Arbeit und kein Ende ... 

In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts war die These vom „Ende der Arbeit“ populär: Dank des unaufhaltsamen technischen Fortschritts würde die für die Versorgung der Menschen notwendige Menge an Arbeit immer weiter schrumpfen – Aufgabe der Politik sei es deshalb, die Menschen auf ein Leben in Muße vorzubereiten.

Es ist anders gekommen. Die zur Wissens- und Dienstleistungsökonomie umgebaute Wirtschaft schreit mehr denn je nach Arbeitskräften. Möglichst herausragend qualifiziert sollen sie sein, oder wenigstens billig und flexibel, um in einem profitablen Servicesektor für Wachstum zu sorgen.

Heute sind mehr Menschen in Lohn und Brot als jemals zuvor in der deutschen Geschichte, die Arbeitslosenquote hat sich fast halbiert. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit, die seit zwei Jahrhunderten kontinuierlich am Absinken war, ist wieder im Steigen begriffen, ebenso die Lebensarbeitszeit. Ein Jugendlicher, der heute am Eintritt ins Berufsleben steht, wird schätzungsweise 10.000 Stunden länger bei der Arbeit sein als sein Papa oder Mama – also umgerechnet mehr als ein halbes Jahrzehnt.

Aber nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität der Arbeit hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten verändert. Immer mehr Menschen müssen sich mit immer billigeren Jobs abfinden - die Dienstbotengesellschaft des 19. Jahrhunderts feiert fröhliche Urstände. Aber während sich Arbeit für das wachsende Heer an Servicekräften nach schierem Zwang anfühlt, lässt sich für die gut ausgebildete Mittelschicht eine umgekehrte Entwicklung konstatieren: Sie sieht in ihrer Arbeit immer mehr ein Mittel der Selbstverwirklichung. Der moderne Arbeiter will für seine Arbeit brennen, er will sich mit seiner ganzen Person einbringen, er sieht in seinem Beruf das Spielfeld seiner persönlichen Entwicklung.

Und das gilt zunehmend auch für den Teil des Arbeitskräftepotenzials, der bisher als bloße Reserve behandelt wurde: die Frauen. Dass sie sich um Kinder und Familie kümmern, ist fast über Nacht von einer anerkannten Rolle zu einem verfehlten Lebenskonzept geworden. Und so suchen jetzt beide Geschlechter gleichermaßen ihr Lebensglück in ihrer Karriere, und mobilisieren immer mehr Lebensenergie für ihren beruflichen „Erfolg“.

Der Arbeitgeber muss dabei nicht einmal mehr die Peitsche schwingen. Seine modernen Untertanen tun das selbst, sie sorgen begierig für ihre eigene Motivation und spornen sich zu den Höchstleistungen an, die im globalisierten Wettbewerb von ihnen gefordert sind.