+++O-Töne aus dem Buch+++

 +++ Trendwende am Arbeitsmarkt+++
"Die pro Kopf erbrachte Arbeitsmenge, die sich seit Beginn des letzten Jahrhunderts halbiert hat, nimmt inzwischen wieder zu. Heute arbeitet ein Vollzeit-Angestellter durchschnittlich 40 Minuten länger, als er das vor 15 Jahren tat. Und mit der Heraufsetzung des Renteneintrittsalters und den Beschränkungen der Frühverrentung nimmt auch die Lebensarbeitszeit zu. Heutige Kinder werden fast ein Jahr früher eingeschult als die Generation vor ihnen, die Zeit bis zum Abitur hat sich um ein Jahr verkürzt. Ein Jugendlicher, der heute am Eintritt ins Berufsleben steht, wird schätzungsweise 10.000 Stunden länger bei der Arbeit sein als sein Papa oder seine Mama – umgerechnet mehr als ein halbes Jahrzehnt."

 +++ Auseinander driftende Arbeitswelten +++
"Während sich für die Globalisierungsverlierer Arbeit mehr denn je nach Zwang anfühlt, nach purer Daseinsnotwendigkeit, sieht die gebildete Mittelschicht sie als Mittel zur Selbstverwirklichung. Während die einen sich in ihrem Berufsleben mit einer immer breiter werdenden Definition dessen abfinden müssen, was für sie als zumutbar zu gelten hat („Es gibt keine Drecksarbeit“), wird Arbeit im oberen Bereich zu einem großen Abenteuer, auf das man schon lange begierig gewartet hat. Das moderne Individuum arbeitet nicht aus Not oder äußerem Zwang, sondern aus einem inneren Trieb. Weil es nämlich meint, nur so ganz zum Menschen zu werden."

  +++ Das neue Arbeitsethos +++
"Selbstausbeutung hat sich als effizienter als Fremdausbeutung erwiesen. Mit dieser Entdeckung hat der Kapitalismus das Kunststück geschafft, auch noch die letzten Produktivitätsreserven zu mobilisieren, die ihm zur Verfügung stehen, nachdem die Reserven der Umwelt langsam zur Neige gehen. Das modernisierte Arbeitsethos beruht deshalb nicht auf Zwang, sondern auf Freiheit."

  +++ Schöne neue Arbeitswelt +++
"Unternehmen haben gelernt, wie sie die Sehnsüchte und Bedürfnisse ihrer "High Potentials" ansprechen müssen, um den maximalen Teil ihrer Lebensenergien, ihrer Begeisterung und Kreativität für sich abzuzweigen: indem sie ihnen nämlich genau das verschaffen, was jeder Mensch in seinem Leben sucht: Spaß, Zugehörigkeit, Sinn. Dafür scheuen sie keine Mühe, um die Welt der Arbeit so auszupolstern, dass sie mehr und mehr die Qualität von Heimat annimmt - eine schöne neue Welt, in der hoch motivierte Menschen mit einem Lächeln auf den Lippen für Mehrwert sorgen.

 +++ Der Rohstoff des 21. Jahrhunderts +++
"Öl war der Treibstoff der Wirtschaft des 20ten Jahrhunderts. Der des 21ten heißt: Motivation. Der Arbeiter der postindustriellen Wissens- und Dienstleistungsökonomie soll - und will - BRENNEN." 

+++ Die neuen Kirchen +++
"Kirchen entvölkern sich, Gemeinden schrumpfen zu Grüppchen zusammen. Aber dies bedeutet nur oberflächlich betrachtet eine Profanisierung der Welt. Der Geist der Kirche, ihre Symbole, Sprache und Riten sind nur dorthin ausgewandert, wo die „Aufgeklärten“ aus der Mittelschicht heute ihre Bedeutung suchen: in der ökonomischen Sphäre, wo sie als arbeitendes und konsumierendes Wesen eine neue Heimat gefunden haben. Die Wolkenkratzer der Konzerne sind die Kathedralen der Postmoderne." 

+++ Zivilisationskrankheit Arbeit +++
"Status ist sozusagen das „soziale Fettpolster“, das wir uns wie unter Zwang zulegen wollen. Und so wie unser stets überschießender Appetit dafür sorgt, dass wir permanent mehr essen, als uns gut tut, sorgt der entfesselte Statuswettbewerb dafür, dass wir mehr (und gewissenloser) arbeiten, als uns gut tut. Und so wie wir die evolutionäre Voreinstellung unserer Fettzellen in unserer Überflusswelt mit Diabetes und Fettsucht bezahlen müssen, so bezahlen wir auch unsere Jagd nach „sozialen Kalorien“: dass wir rackern müssen, als ob wir am Verhungern wären, obwohl wir immer mehr haben." 

+++ Das Zeitalter der Aktivität +++
"Unsere Zeit hat einen neuen Helden geboren. Bei der Arbeit schreit er „Hier!“, wenn die Leitungsstelle frei wird; er setzt die Ellenbogen ein, um an noch mehr Arbeit zu kommen, wenn sie nur mit Prestige verbunden ist. Und nach der Arbeit trainiert er für den Triathlon. Ob bei der Arbeit oder in seiner freien Zeit, der moderne Mensch ist stets zu Höchstleistungen aufgelegt. Die Anstrengungen, die die Menschheit bisher lieber gemieden hat – genau darin sucht er jetzt seinen Kick, ja, sein Seelenheil. Muße dagegen, das Lebenselixier einer vergangenen Zeit, ist toxisch geworden." 

+++Arbeit - eine Form der Prostitution +++
"Für die Philosophen der griechischen Antike war es alles andere als selbstverständlich, dass ein Mensch seine Schaffenskraft und Zeit gegen Geld hergibt. Aristoteles hielt einen solchen Tauschhandel schlicht für eine Form der Prostitution. Genau dieser Tauschhandel ist aber zum inneren Prinzip unserer heutigen Arbeitsgesellschaft geworden - und nicht nur über jeden moralischen Zweifel erhaben, sondern jetzt, wo wir in unserer Arbeit einen SINN sehen wollen, wo wir mit ganzem Herzen bei unserer Arbeit sein wollen, sogar zu einer Gefühlsangelegenheit geworden ist. - Aus der Sicht der griechischen Philosophie ist damit der Gipfel der Perversion erreicht: Nicht nur, dass sich der moderne Arbeitsmensch wie eine Prostituierte kaufen lässt, nein, er soll – und will! – in diese Transaktion auch noch Gefühle investieren, er soll – und will! – nicht nur seine Zeit und seinen Körper geben, sondern auch das Herz, er soll – und will! – seine Leistung aus Leidenschaft erbringen." 

+++ Die Verdienstleistung des Privatlebens +++
"Was früher – recht und schlecht – im privaten Bereich geleistet wurde, erledigen jetzt, wo Familie und Freunde bei der Arbeit sind, Experten für uns, natürlich professionell und qualitätsgesichert: Neben der Aufzucht der lieben Kleinen übernehmen sie die Pflege und Versorgung der Hilflosen und Alten, die Suche nach einem Liebes-Partner, die Planung der Karriere, die Begleitung durch Krisen oder auch in den Tod. Was einmal das Dorf war, sind jetzt unsere Dienstleister. Was einmal Beziehungen waren, verwandelt sich in Termine. Und die dazugehörige Geldüberweisung." 

+++ Ein Held in unserer Zeit: Der Homo guttenbergensis +++
"Der postindustrielle Individualisierungsschub hat uns alle zu Verkäufern gemacht. Zum Helden unserer Zeit haben wir den hyperaktiven Selbstdarsteller erkoren, dessen Kampf längst nicht mehr echten Lebensproblemen gilt, sondern nur noch der eigenen „Performance“. Das Erfolgsmodell der Stunde ist der Homo guttenbergensis: dynamisch, kommunikativ, stressresistent, optimistisch, extrovertiert, frei von Selbstzweifeln und attraktiv." 

+++ Schichtung der Gesellschaft nach Guttenberg-Faktoren +++
"Auf der Strecke bleiben all diejenigen, die im Kampf um Aufmerksamkeit weniger aufzubieten haben: die Stillen, die Schüchternen, die Introvertierten, die Unscheinbaren, die weniger Robusten, die weniger Vorschnellen, die Komplizierteren, die Sensiblen, die Melancholischen, die Selbstzweifler, die nicht so Vorzeigbaren; diejenigen, denen ein Lächeln nicht so leicht über die Lippen geht, die erst einmal nachdenken, bevor sie mit der Lösung rausplatzen – sie alle sammeln sich mit derselben Zwangsläufigkeit auf den unteren Rängen, mit der die anderen nach oben steigen." 

+++ Kindheit als Castingstrecke +++
"Ihren Nachwuchs auf das Dauercasting optimal vorzubereiten, gilt inzwischen als Kernaufgabe der Eltern und eigentlichen Daseinszweck der Familie. Nachdem wir in unserem Leistungswahn schon auf dem besten Weg sind, die zu Karrierekillern gewordenen Kinder abzuschaffen, sind wir nun dabei, auch noch die Kindheit selbst abzuschaffen. Spielen? Gibt es höchstens noch in der Spieltherapie. Die Kindheit ist jetzt die Strecke, auf der sich Kinder für den Kampf um die besten Jobs warmlaufen." 

+++ Unsere „Macher“ sind unsere Krisenmacher +++
"Wenn die Welt von Krise zu Krise taumelt, dann geht das auch auf das Konto unserer von Boni und Aktienoptionen aufgeputschten Eliten. Unsere Gesellschaft kann noch eine ganze Menge Unproduktive, Aussteiger, (Lebens-)künstler, Privatgelehrte, Freaks, Gelegenheitsjobber, Langzeitstudenten, Globetrotter, Rumtreiber, Hausfrauen und Hausmänner, Privatiers, Hippies, Punker, Spontis und sonstige Minderleister vertragen, aber nur wenig mehr hyperaktive „Leistungsträger“, die auf ihrer Jagd nach „Erfolg“ das Letzte aus sich und unserer Welt herausholen und in Gewinn verwandeln." 

+++ Die Frau - der bessere Mann +++
"Die Geschlechterdebatte trägt Früchte. Und doch läuft die Diskussion um die Frauenförderung und -quote denkbar verquer. Nicht nur, weil bereits jetzt klar ist, dass es in immer mehr Bereichen gar nicht die Frauen sind, die den Schutz einer Quote oder spezielle Förderung brauchen, sondern die Männer. Nein, die Diskussion ist deshalb so verquer, weil es dabei gar nicht um die Frauen geht. Und erst recht nicht darum, was sie wollen. In Wirklichkeit geht es um die Interessen der Wirtschaft. Dort hat sich inzwischen herumgesprochen, dass mit den Männern allein auf Dauer kein Staat zu machen ist. Wer will schon auf das Bildungsversager-Geschlecht setzen müssen, wenn es um die Rendite geht? Die Frau ist jetzt der bessere Mann – dass sie also bloß nicht mehr zu Hause vergammelt! Dass sie bloß nicht mehr unnütze Zeit in ihre Kinder steckt! Das lässt sich nun wirklich effizienter organisieren. Und unterm Strich gewinnen dabei alle: Die Wirtschaft brummt, die Frauen verdienen gutes Geld, und in der Kinderbetreuung entstehen Arbeitsplätze ohne Ende. Win-win. Nein: Triple-Win, denn die Shareholder verdienen ja mit." 

+++ Es muss toll sein, ein Mann zu sein +++
"Oh, Macht! Arbeit! Geld! 70-Stunden-Woche! Ellenbogen raus! Sich reinhängen! Ausgerechnet Feministinnen bekommen plötzlich glänzende Augen bei der Aussicht, dass Frauen endlich mit den Männern gleichziehen können. Angetreten waren sie einmal mit der These, dass genau diese männlichen Qualitäten und Lebensentwürfe unserer Gesellschaft schlecht bekommen. Sie wollten ihre eigenen Qualitäten ins Spiel bringen. Sie wollten die männlich dominierte Gesellschaft verändern. Und was ist von all den Plänen und Träumen übrig geblieben? Es muss toll sein, ein Mann zu sein!" 

+++ Die Jagd nach dem besseren Leben +++
"Wir haben Möglichkeiten realisiert, die allen Menschen, die vor uns den Planeten bewohnt haben, wie das schiere Glück erscheinen würden. Das schiere Glück. Nur, wo ist es denn? - Fünf Prozent der deutschen Bevölkerung nehmen Antidepressiva ein, in den USA, dem Land der unbegrenzten Glücksmöglichkeiten, sind es sogar fast doppelt so viele. Jeder dritte Deutsche war im letzten Jahr wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung, und unter ihnen sind immer mehr Kinder und Jugendliche. Wenn wir psychisches Leiden als Antithese von Glück definieren – wo sind die ganzen Glücksmöglichkeiten geblieben, die wir uns so frenetisch erarbeiten? Bei der Jagd nach dem besseren Leben sind wir offenbar am guten Leben einfach vorbeigerannt.“ 

+++ Arm im Überfluss +++
„Wir haben uns von den Zwängen der Natur befreit. Auch wenn wir dafür die Bezeichnung „Fortschritt“ verwenden: Im Grunde haben wir die missliche Lage des echten Mangels nur hinter uns gelassen, um in einer anderen misslichen Lage zu landen: der des gefühlten Mangels.
Wir müssen weiter rackern, um unser Leben zu verbessern. Wir müssen uns Neues ausdenken, müssen effizienter werden, weiter wachsen, um bloß nicht in die Krise zu rutschen. Wenn wir nicht zurückbleiben wollen, müssen wir schneller rennen. Also schaffen wir den Sonntag ab, damit wir auch da arbeiten und einkaufen können. Und endlich haben auch die Südländer erkannt, dass ihre Siesta ein Fortschrittshindernis ist. Schließlich bemühen wir uns ja auch, mit weniger Schlaf auszukommen.
Wir haben alles, tatsächlich. Und wir mögen aus Sicht der ganzen Welt darum beneidet werden. Aber in Wirklichkeit sind wir arme Tröpfe.“ 

+++ Wer hat Schuld? +++
„Wir sind mit Schuldzuweisungen schnell bei der Hand. Wenn die Leisen und Zurückhaltenden heute unter die Räder kommen, wer sonst sollte daran schuld sein als der hyperaktive Lautsprecher vom Guttenbergensis-Typ? Aber ist es denn wirklich die Schuld des Kandidaten, wenn er von der Jury bevorzugt wird? Ist es die Schuld des Kindes, wenn es die Gymnasialempfehlung aufgrund seines einnehmenden Wesens bekommt?
Wenn jemand Schuld hat, dann genauso wir – wir stehen nämlich auf die smarten Typen mit der großen Klappe. Wir sind alle Teil des Systems, wir sind Kandidaten, Jury und Publikum, Verführer und Verführte gleichzeitig. Und unser Held ist letztlich nur das Abbild, ja, die logische Konsequenz dieses Verführungssystems, in dem Marketing alles ist und Substanz nichts. In einer übersättigten Überflusswelt lassen sich Waren nur noch über den schönen Schein verkaufen. Nur wer an unsere Gefühle herankommt, kann Bedürfnisse wecken, von denen wir vorher noch gar nichts gewusst haben.“ 

+++Geld ist Zeit+++
„Wollen wir mal durchrechnen, wie viel Zeit Sie gewinnen, wenn Sie ganz ohne eigenes Auto vor der Tür auskommen? Nach Berechnungen des Verlags Motor Presse kostet ein Auto seinen Halter durchschnittlich 332.000 Euro, wenn man die Anschaffungs-kosten und alle laufenden Ausgaben für Benzin, Versicherung, Steuer und Reparaturen auf die 54 Jahre hochrechnet, in denen der Durchschnittsdeutsche ein eigenes Auto besitzt. Der Spruch, dass das Auto des Deutschen liebstes Kind ist, erweist sich damit als Untertreibung – in Wahrheit ist das Auto nämlich so viel wert wie beinahe drei Kinder (von denen jedes seine Eltern im statistischen Durchschnitt bis zu seinem 19. Lebensjahr mit 120 000 Euro belastet335). Ohne Auto könnten Sie sich also jährliche Ausgaben von über 6 000 Euro sparen, und damit locker zur 30-Stunden-Woche übergehen (oder sich Drillinge leisten …). Natürlich fehlt in der Rechnung, dass auch andere Formen von Mobilität Geld kosten. Aber für die allermeisten Menschen dürfte gelten, dass sie mit so ziemlich jeder Alternative deutlich günstiger fahren würden.“ 

+++ Wir haben die Wahl +++
„Wir haben nicht die Freiheit, Erfolg und Status abzuschaffen, aber wir haben die Freiheit, sie anders zu definieren, andere Maßstäbe anzulegen, unsere Maßstäbe. Dazu brauchen wir Verbündete, keiner ist eine Insel. Aber es liegt an uns, welche Freunde wir uns suchen, in welcher Szene wir uns bewegen, wem wir Respekt und Achtung zukommen lassen. Es liegt an uns, ob wir weitermachen, die Reichen zu beneiden, oder ob wir sie vielleicht eines Tages mit Verachtung strafen. Warum sollten wir bei ihrem ostentativen Luxus leuchtende Augen bekommen? Er ist ein gesellschaftliches Problem, ein Symbol des Unfriedens, weil Ungleichheit die ganze Gesellschaft krank macht. Keiner hat es verdient, hundertmal mehr zu „verdienen“ als seine Mitmenschen, und auch wenn es legal ist – es läuft auf Raub hinaus. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Überreichen unsere stumme Verehrung bekommen. Sie sollen kalte Schultern sehen.“